Das grüne Monster

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Autoklassiker: 100 Jahre Opel Rennwagen
Mit satten 12,3 Litern Hubraum und einem so donnernden Getöse wie sonst nur ein ausgewachsener Schiffskutter machte vor 100 Jahren ein Opel Renner auf sich aufmerksam. Der ist längst Legende.
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Nur wenige Tage nach dem 24 Stunden-Rennen in der Grünen Hölle feiert ein grünes Monster seinen 100. Geburtstag. Seinen Namen trägt das Gefährt nicht ohne Grund: Mit einem Hubraum von 12,3 Litern darf der allemal als monströs bezeichnet werden. Verbaut wurde das 260 PS und 700 Newtonmeter starke Vierzylinder-Aggregat in einem zwei Tonnen schweren Opel Rennwagen. Dass dieses über 200 km/h schnelle Ungetüm nicht nur einen flotten Geradeauslauf und Volumen zum Verbrennen von Treibstoff hat, das zeigt die Tatsache, dass Opel-Werksfahrer Carl Jörns die meisten seiner Siege mit genau diesem unglaublichen Auto errang.

Das hubraumstärkste Fahrzeug, das jemals in Rüsselsheim entstanden ist, zählt zu den ersten überhaupt, die mit einer Vier-Ventil-Technik ausgestattet wurden. Anders als in aktuellen Fahrzeugen kann dieser Technik sogar bei der Arbeit zugeschaut werden - ohne die Motorhaube zu öffnen oder irgendwelche Plastikverschalungen herauszureißen. So schön die insgesamt 16 Ventile beim Öffnen und Schließen auch zu beobachten sind, so unangenehm wird dieses Show während der Fahrt. Der Fahrtwind bläst das Öl von den Ventilfedern permanent gegen das Gesicht. Ohne eine Schutzbrille ist hier kein Meter möglich. Zumal das gerade einmal DIN A4-Blatt große Windschutz-Scheibchen so gut wie nichts bringt.

Im Jahr 1914 für 85.000 Reichsmark entwickelt, beträgt der Versicherungswert des Renners heute 1,5 Millionen Euro. Allerdings ist dies nur ein sehr theoretischer Wert, denn 25 Mechaniker haben allein zehn Jahre lang den Opel Rennwagen restauriert. Das hatte unter anderem einen ganz speziellen Grund: 1914 gab es noch kein Gewindeformat. Und wenn ein spezielles Werkzeug benötigt wird, dann muss es extra angefertigt werden. Doch es hat sich gelohnt. Auch wenn der 50 Liter auf 100 Kilometer fressende Originalmotor nicht mehr zu retten war und ein Nachbau gegossen werden musste.

Mit einer Sprintzeit aus dem Stand bis Tempo 100 in 15 Sekunden ist er zwar nicht der Antrittsschnellste. Aber es gibt nur wenige, die sich heute noch bis an die Grenzen seiner Höchstgeschwindigkeit herantrauen - die liegt bei 250 km/h.


Vorderradbremsen gibt es nicht und die hintere Trommelbremse wird per Hand bedient
Doch weit vor dem Erreichen der Tempospitze liegt das Anlassen, das beim grünen Monster alles andere als einfach ist. Wurde noch vor 100 Jahren die schwere Kurbel in der Front gedreht, so hilft heute am besten das Anschieben. Also: Den zweiten von vier möglichen Gängen einlegen und zwei, oder besser drei Männer schieben lassen. Kupplung langsam kommen lassen, ein kurzes Stoßgebet zum Opelgott - und das Monster spring an, was von außen auch an einer schwarzen Rauchwolke zu erkennen ist, die aus dem dicken Auspuff qualmt. Das Motorengeräusch wird vom 16-Ventil-Klappern untermalt. Im Inneren der vier Zylinder legen die 12,5 Zentimeter im Durchmesser messenden Kolben pro Kurbelwellenumdrehung fast einen halben Meter Strecke zurück. Bis zu 24 Meter können die Kolben bei maximaler Drehzahl pro Sekunden zurücklegen, was rund 3.000 Umdrehungen pro Minute entspricht.

Schon auf den ersten Metern fallen einige Dinge auf, die mit heutigen Fahrzeugen nichts mehr gemein haben. Das Lenkrad ist gigantisch und die Lenkung schwerfällig. Das Thema Bremse ist ein ganz eigenes. Denn Vorderradbremsen gibt es nicht und die hintere Trommelbremse wird per Hand bedient. Der Handbremshebel sitzt wie früher am Kutschenbock, rechts außen am Wagen und wirkt per Seilzug auf die Kardanwelle und die Trommeln der Hinterräder. Neben dem Bremshebel befindet sich der Hebel für die Schaltung. Wie zur damaligen Zeit üblich, gab es nicht nur ein Gaspedal, das beim grünen Monster das mittlerer der drei Pedale ist, sondern auch Handgas am Lenkrad.

Wegen dieser sehr schwerfälligen Bedienbarkeit des Opel Rennwagens ist es umso erstaunlicher, wie Carl Jörns zusammen mit seinem Beifahrer Kurt C. Volkhart zahlreiche Rennen gewinnen konnte. Belegte er noch im ersten Jahr 1914 beim Großen Preis von Frankreich den zehnten Rang, so gewann er nach dem ersten Weltkrieg in den Jahren 1922 bis 1924 zahlreiche Strand-, Berg- und Flachrennen.

Vor allem auf sandigem Untergrund musste sich Carl Jörns etwas wegen der fehlenden Vorderradbremse einfallen lassen. Und so kam es, dass er das Ungetüm vor jeder Kurve mithilfe der Handbremse anstellte und einfach durch die Kurve driftete. Einen Geschwindigkeitsweltrekord stellte Carl Jörns 1922 dann auch noch auf: Mit 194 Kilometer pro Stunde raste er über den Sandstrand der dänischen Insel Fano.

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